Ruth Jungk

1913 (Wien)—1995 (Salzburg), lebte ab 1970 in Salzburg

Inspiratorin. Nach der Emigration in die USA kam sie mit ihrem Mann, dem Zukunftsforscher Robert Jungk, nach Salzburg und wurde für viele aktive Menschen zu einer wichtigen Gesprächspartnerin.

Ruth Jungk war ein bisschen gefürchtet, weil sie mit dem Blick von außen scharfe Urteile über manche Salzburger und Salzburgerinnen fällte. Kaum einmal lag sie damit daneben.
Sie hielt nicht viel von Konventionen, war kein bisschen kontaktscheu und fand, als sie 1970 mit ihrer Familie nach Salzburg kam, problemlos Gesprächspartner, vor allem unter jüngeren Leuten, die, selbst mehr oder weniger unangepasst, ähnlich wie sie einen kritischen Blick auf die Gesellschaft hatten. Michael Stolhofer gehörte dazu, Markus Hinterhäuser und andere. Hofrat Peter Krön, damals der oberste Kulturbeamte des Landes, hatte immer ein Ohr für die Familie Jungk und kümmerte sich, wenn es Probleme gab.
Ich war in ihrer Gesellschaft auch als Ansprechpartner gelitten. In der Art, wie sie Kritik äußerte — und Kritik zu äußern, war eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen —, verfuhr sie nicht, wie das in ihrer Heimatstadt Wien bis heute zu geschehen pflegt, nämlich auf Umwegen, indirekt und in eine Fülle vermeintlicher Höflichkeitsfloskeln verpackt. Ihre Kritik klang gnadenlos unverblümt, zuweilen vernichtend. Sie sah genau, wo Anspruch und Wirklichkeit nicht übereinstimmten. „Erfrischend“ war diese Kritik auf alle Fälle. „Unerschrocken“ konnte man sie auch nennen. Wer sich aufblähte und sein Pöstchen nur irgendwelchen Mauscheleien zu verdanken hatte, im Grunde aber nur über geringe Fähigkeiten verfügte, wurde gnadenlos auf ein Millimetermaß zurückgestutzt und die weit verbreitete Selbstüberschätzung eingedämmt.
Oft lief man ihr in der Stadt über den Weg. Diese Begegnungen arteten jedes Mal in ein längeres Gespräch aus. Es war ein Austausch von Meinungen. Nach der Reihe wurden Leute, die sich gerade besonders hervortaten, besprochen, mehr als das: bewertet. Die Übereinstimmung in den Urteilen, meist weit abweichend von den gängigen Einschätzungen, war jeweils auffällig groß. Das waren kleine Gerichtsverfahren. Ruth Jungk benützte die Gespräche — das ging unterschwellig vor sich — auch dazu, um Informationen, gleichsam Beweismaterial gegen den einen oder die andere zu sammeln.
Die persönlichen Begegnungen mit ihr waren das eine, die Telefonate das andere. Kaum jemand anderer hat das Telefon so intensiv wie sie als Kommunikationsmöglichkeit genützt. Das war übrigens damals noch nicht so preisgünstig wie heute. Mit ihrer unverkennbaren Altstimme nannte sie ihren Namen. Oft war der Anrufbeantworter, wenn ich abends heimkam, komplett voll mit einem Monolog von Ruth Jungk. Das ging ja noch an. Aber wenn sie mich in der Redaktion anrief, war es heikler. Denn das waren Anrufe, die sich von meiner Seite nicht auf kurze Antworten auf ein paar Fragen beschränken ließen. Ruth Jungk ließ sich nicht einfach aus der Leitung drängen, sie wollte jeweils ein ausführliches Gespräch. Jeden Versuch, sie abzuschütteln, hätte sie als Affront verstanden.


Werner Thuswaldner
Schriftsteller und Kulturjournalist. Langjähriger Leiter der Kulturredaktion der „Salzburger Nachrichten“

 

Vollständiger Essay zu Ruth Jungk