Nachwort

Wo, wenn nicht hier?

Der Charakter Salzburgs irrlichtert im Laufe seiner Geschichte in einer ständigen Abfolge von kulturellen Aufbrüchen und Einbrüchen, von hoher zu tiefster Provinzialität, von Weltoffenheit zu kleinbürgerlicher Verschlossenheit, Widersetzlichkeit zu feudaler Herrschaft, bis in die Gegenwart.
Vor genau 200 Jahren verliert Salzburg auf dem dynastischen Roulettetisch Wiener Kongresses endgültig seine über fünfhundertjährige Selbstständigkeit und wird nach einigem Hin und Her und nach Abtrennung einiger Teile schließlich Österreich zugeschlagen. Diesen Verlust, den Absturz von einer europäischen Kulturmetropole, von einer strahlenden Residenz-, Universitäts- und Handelsstadt zur dahindämmernden oberösterreichischen Kreisstadt hat Salzburg bis heute nicht überwunden. Die kaiserlichen Privilegien waren der Stadt schon vorher vom eigenen Landesherren abgepresst worden. Die Bauernaufstände waren gescheitert und die Protestanten vertrieben. 1816 fiel nun die Bürgerschaft aus der rigiden Feudalherrschaft der Fürsterzbischöfe für Jahrzehnte in eine noch viel tiefere Ohnmacht als untergeordnete, entrechtete Verwaltungseinheit im Herzogtum Oberösterreich. Der Hofadel, Professoren, Beamte, Gebildete und Studenten verließen fluchtartig die Stadt. Haus- und Grundbesitzer, Handwerks- und Kaufmannsfamilien wurden zur neuen Elite. Ihr Regime über die Bürgerschaft war nicht weniger reaktionär als das der alten Feudalherrschaft. Die Universität wurde aufgelassen. Die gewaltigen Kunstschätze wurden nach Bayern, später auch nach Linz verbracht. Das Einzige, was aus dieser Zeit eines beispiellosen Niedergangs mit tiefen Spuren bis heute berühmt blieb, ist das Gras, das über den Residenzplatz wuchs. Was haben wir eigentlich zu feiern?

Johannes Voggenhuber
Publizist und Politiker

Vollständiger Essay von Johannes Voggenhuber